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Gazprom-Arbeiter reguliert Gastank

Was passiert, wenn Russland kein Gas mehr liefert?

Russland ist für Deutschland der Hauptlieferant von Erdgas. Der Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland haben deshalb enorme Folgen für die deutsche Energie-Versorgung. Was passiert, wenn der Gas-Fluss versiegt? Im Clip: So kannst du deine Energie-Kosten senken.
Was passiert, wenn Russland kein Gas mehr liefert?
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Das Wichtigste zu den Gas-Lieferungen aus Russland

  • Russlands Krieg gegen die Ukraine wirkt sich auch hierzulande auf die Wirtschaft aus. Vor allem beim Erdgas war Deutschland bisher auf russische Lieferungen angewiesen. Diese könnten aber bald ausgesetzt werden.

  • Erdgas wird in nahezu allen Wirtschafts-Sektoren gebraucht. Damit werden vor allem Strom und Wärme erzeugt, aber auch die Industrie ist von dem Rohstoff abhängig.

  • Die Bundesregierung hat für Gas-Engpässe den dreistufigen "Notfallplan Gas" parat. Dieser regelt, wie in Krisen reagiert wird und wie die Gas-Reserven verteilt werden.

  • Ende März rief Robert Habeck, Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, dessen erste Eskalations-Stufe aus. Seit dem 23. Juni gilt mit der zweiten Phase eine erhöhte Alarm-Bereitschaft.

  • Laut Habeck verhandelt die Regierung bereits mit neuen, zuverlässigen Gas-Lieferanten, um die deutschen Gas-Speicher bis zum Winter wieder zu füllen. Dennoch sollen alle Bürger:innen so viel Energie wie möglich sparen. Wir zeigen unten, wie das am besten klappt.

Was passiert, wenn Russland kein Erdgas mehr liefert?

Der "Notfallplan Gas für die Bundesrepublik Deutschland" regelt in drei Stufen, welche Maßnahmen im Falle einer Gas-Krise greifen und wie bestehende Reserven verteilt werden müssen.

 

Phase 1: Frühwarnung

Diese Stufe galt vom 30. März bis zum 22. Juni. Laut Robert Habeck handelte es sich um eine reine Vorsichts-Maßnahme, damit Deutschland auf ein mögliches Gas-Embargo vonseiten Russlands vorbereitet ist.

Dazu kommt ein Krisen-Team bestehend aus Vertreter:innen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz sowie von Netz-Agenturen und -Betreibern zusammen. Es beobachtet und bewertet die Situation im Gas-Netz, um im Notfall schnell reagieren zu können.

Außerdem verständigen sich Deutschland und Frankreich seither täglich über die Situation bei der Gas-Versorgung und wollen gegebenenfalls gemeinsam Maßnahmen ergreifen.

 

Phase 2: Alarm

Die Bundesregierung hat diese Stufe angesichts der gedrosselten Gas-Lieferungen aus Russland am 23. Juni ausgerufen. Habeck spricht von einer "Störung der Gas-Versorgung", die zu einer "erheblichen Verschlechterung" des Gas-Haushaltes führen könne.

Zwar sei die Versorgungs-Sicherheit derzeit gewährleistet und der deutsche Markt in der Lage, das Problem selbst zu regeln - doch Gas sei von nun an ein knappes Gut in Deutschland. "Die Lage ist ernst, und der Winter wird kommen", so Habeck.

Es müsse jetzt gehandelt werden, um in den kommenden Monaten auf mögliche Engpässe vorbereitet zu sein. Oberste Priorität sei, die Gas-Speicher schnellstmöglich zu aufzufüllen.

Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck rief auf einer Pressekonferenz die Alarmstufe des Notfallplans Gas aus.


Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck rief unter anderem wegen den niedrigen Füllständen der deutschen Gas-Speicher die Alarm-Stufe aus.
© IMAGO / Political-Moments

Habeck kündigte dazu neue Maßnahmen an: Unter anderem sollen Kohle-Kraftwerke verstärkt ans Netz angebunden werden und Gas-Sparpläne für die Industrie gelten.

 

Phase 3: Notfall

Wenn die Maßnahmen der ersten beiden Phasen nicht ausreichen oder sich die Gas-Versorgung dauerhaft verschlechtert, kann die Bundesregierung die Notfall-Stufe ausrufen.

Dann interveniert der Staat: Die Bundesnetzagentur bestimmt, wie das Gas in Deutschland verteilt wird. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, welche Gruppen solange wie möglich mit Gas versorgt werden. Darunter fallen Privat-Haushalte, soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser und Gas-Kraftwerke, die die Strom- und Wärme-Versorgung von Haushalten sicherstellen.

Unabhängig von dem Phasen-Plan hat der deutsche Staat Anfang April in den Gas-Markt eingegriffen und die deutsche Tochterfirma des russischen Lieferanten Gazprom übernommen. Der Konzern ist für 40 Prozent der Gas-Versorgung in Deutschland zuständig.

Gas-Notstand: Folgen für die Wirtschaft

Wird die Notfall-Stufe ausrufen betrifft das private Haushalte zunächst nicht. Als erstes würden Industrie-Unternehmen vom Netz genommen werden. Besonders stark könnte es den Chemie-Sektor, gefolgt von Nahrungs- und Futtermittel-Herstellern und Metall-Erzeugern treffen.

Befürchtet werden Folgen für die Landwirtschaft, Lebensmittel-Hersteller, das Gesundheitswesen, den Mobilitäts-Sektor oder Erzeuger von Produkten des alltäglichen Bedarfs.

Folgen für dich und deinen Alltag

Wird das Gas knapp, erhöhen sich die Preise weiter. Das gilt vor allem für Haushalte mit Gas-Heizungen - aktuell fast jeder zweite in Deutschland. Auch Strom wird teurer. Kommt es zu Produktions-Engpässen, steigen auch die Preise für einzelne Produkte.

Habecks Plan: Die Gas-Speicher über den Sommer mithilfe von Flüssig-Gas (LNG) aus anderen Ländern auffüllen und so die Gas-Versorgung für den kommenden Winter sichern.

LNG-Tanker vor Katar


Deutschland besitzt derzeit noch kein einsatzfähiges LNG-Terminal und muss deshalb Flüssig-Gas per Landweg aus Nachbarländern importieren. Neue Infrastruktur ist aber schon in Planung.
© picture alliance / photothek | Thomas Koeh ler

Bekommt Deutschland bald kein Gas mehr aus Russland?

Deutschland unterhielt langjährige, enge wirtschaftliche Beziehungen zu Russland und war bislang einer seiner größter Energie-Abnehmer. Rund 40 Prozent des deutschen Gas- und Öl-Bedarfs wurden bisher mit russischen Lieferungen gedeckt.

Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine bemüht sich die Bundesregierung darum, alternative Anbieter zu finden und die heimische Energie-Versorgung auszubauen.

Merkel und Putin


In den letzten Jahre unterhielten die deutsche und russische Regierung gute Handels-Beziehungen miteinander. Links die ehemalige deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Russlands Präsident Wladimir Putin.
© picture alliance / dpa | Anatoly Maltsev / Pool

Wie sich die Situation jetzt entwickeln könnte, wird durch zwei möglichen Szenarien beeinflusst.

 

Möglichkeit 1: Geschlossener Boykott gegen Russland

Viele europäischen Länder fordern ein Ende des Gas-Imports. Während die Staaten der Europäischen Union schon Embargos gegen russisches Erdöl, Kohle und Kernbrennstoffe beschlossen haben, wehrt sich Deutschland noch immer gegen ein Einfuhr-Verbot für Gas.

Die Kritik der ukrainischen Regierung an den zögernden EU-Länder und die Enthüllungen über die Kriegsverbrechen von Putins Armee haben bei vielen EU-Abgeordneten zu einem Umdenken geführt: Sie fordern einen sofortigen Import-Stopp für russisches Gas. Weltweit arbeiten viele Staaten bereits daran, ihren Erdgas-Handel mit Russland einzuschränken.

Selenskyj in Bucha


Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj appelliert seit Monaten an die EU, "endlich kraftvoll" zu reagieren.
© IMAGO / ZUMA Wire

 

Möglichkeit 2: Russland liefert kein Gas mehr

Am 27. April stoppte Russland die Gas-Lieferungen an Polen und Bulgarien; in den folgenden Wochen an Finnland, die Niederlanden und Frankreich.

Seit Juni wird außerdem weniger Gas über die Nord-Stream-1-Pipeline nach Deutschland, Italien, Österreich, in die Tschechische Republik und die Slowakei geliefert: Robert Habeck zufolge drosselte Russland seine Lieferungen in die Bundesrepublik um 60 Prozent.

Putin im Video-Call


Am 31. März unterzeichnete Putin nach einer Ministerkonferenz ein Dekret. Demnach müssen von ihm als "unfreundlich" betitelte Länder das russische Gas in Rubel bezahlen - oder darauf verzichten.
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Mikhail Klimentyev

Ende März hatte Putin verkündet, dass sein Gas nur noch in russischen Rubel bezahlt werden könne. Die EU-Kommission hingegen forderte die europäischen Unternehmen dazu auf, nur in der vertraglich vereinbarten Währung zu zahlen - in 97 Prozent der Fälle sind das Euro oder Dollar. Auch Deutschland begleicht seine Schulden bei der Gazprom-Bank weiterhin in Euro.

Was genau ist Erdgas?

Erdgas ist ein ungiftiges aber brennbares Natur-Gas. Es kann wie Kohle und Erdöl als fossiler Energieträger genutzt werden. Dazu wird es mit Bohr-Türmen aus mehreren hundert Metern Tiefe aus der Erde gefördert.

Die größten, konventionellen Gas-Vorkommen befinden sich in Russland, dem Iran und Katar. Ersteres besitzt mit rund 40 Billionen Kubikmetern die größten Gas-Vorkommen der Welt - das entspricht circa einem Fünftel der weltweiten Reserven. Laut einer Berechnung des Umweltministeriums von 2019 sind die russischen Erdgas-Vorräte mehr als 175 Milliarden Euro wert.

 

Wozu brauchen wir Erdgas in Deutschland?

Mit Erdgas wird in Deutschland vor allem geheizt und Energie erzeugt. Aber auch in anderen Wirtschafts-Sektoren - insbesondere im Industrie- und Chemie-Sektor - wird der wichtige Rohstoff benötigt. Mehr in der Bildergalerie unten. 

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Erdgas-Verbrauch der deutschen Industrie

Energieverbrauch der deutschen Industrie 2020

Tipps, wie du im Alltag Gas sparen kannst

  • 🌡

    Heizen: Überdenke die Raum-Temperatur. Jedes Grad weniger spart Gas. Empfehlungen für die einzelnen Räume: Wohnzimmer: 20 bis 22 Grad, Schlafzimmer: 15 bis 18 Grad, Küche: 16 bis 18 Grad, Badezimmer: 22 bis 24 Grad, Flur: 15 bis 16 Grad. Heizkörper sollten immer frei stehen. Thermostate können dir außerdem helfen, deine Heizung gradgenau einzustellen.

  • 🌬

    Lüften: Kipp deine Fenster am besten nicht, sondern lüfte kurz und gründlich.

  • 🧑‍🍳

    Kochen: Deine Töpfe sollten immer komplett die Herdplatte bedecken. Deckel nicht vergessen! Meist musst du deinen Backofen nicht vorzuheizen. Das spart rund 20 Prozent Energie.

  • 🚿

    Wasser-Verbrauch: Wenn du nur kürzer oder etwas seltener duschst, kannst du deinen Energie-Verbrauch senken und Geld sparen. Ein Vollbad verbraucht dreimal so viel Energie wie eine Dusche. Dreh das Wasser ab, wenn du dir beispielsweise die Haare einschäumst. Außerdem gilt: Je heißer das Wasser, desto höher der Energie-Verbrauch.

  • 🌫

    Isolation: Bei undichten Fenstern und Türen geht Wärme verloren. Fensterrahmen kannst du mit Klebeband nachträglich isolieren und nachts die Rollläden schließen. Letzteres kann den Wärme-Verlust über die Fenster um rund 30 Prozent reduzieren. Auch Wohnungs- und Balkon-Türen kannst du so abdichten.

Veröffentlicht: 23.06.2022 / Autorin: Laura Geigenberger