Frau mit Kleptomanie stiehlt Kleidung

Klauen für den Kick? Was Kleptomanie ist und wie sie behandelt wird

Der Nervenkitzel während eines Diebstahls wird für Kleptomanen zur Sucht. Wir haben mit einer Betroffenen und einem Experten über die Krankheit gesprochen.

Das Wichtigste zum Thema Kleptomanie

  • Kleptomanie bedeutet pathologisches Stehlen. Betroffene sind süchtig nach dem Nervenkitzel während des Diebstahls.

  • Der Zwang zu Klauen kann als eigene Krankheit oder als Symptom anderer psychischer Probleme entstehen.

  • Die Tat wird nicht begangen, um Wut oder Rache auszudrücken - und geschieht nicht als Reaktion auf Wahn-Phänomene oder Halluzinationen.

  • Weder der materielle Wert der Dinge noch die Nutzung nach dem Diebstahl spielen für Kleptomanen eine Rolle.

  • Die meisten Kleptomanen haben ein ausgeprägtes Moralbewusstsein. Oft verfolgen sie nach der Tat Gewissensbisse, Scham oder Selbstzweifel.

Video-Interview mit Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel

Haben Kleptomanen ein schlechtes Gewissen? Und warum sind vor allem Frauen von dem inneren Zwang zu stehlen, betroffen? Professor Reinhart Schüppel, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, gibt uns ein paar überraschende Antworten.

Was ist Kleptomanie eigentlich?

Der Begriff Kleptomanie kommt aus dem Griechischen. Übersetzt bedeutet er etwa "Stehl-Wahnsinn". Seit dem 19. Jahrhundert sind Forscher davon fasziniert. Je nach Epoche stufte man Kleptomanie als Gehirnkrankheit, masochistische Störung oder als "Frauenleiden" ein.

Heute spricht man von einer Impulskontroll-Störung. So kategorisiert sie auch die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA). Sie veröffentlicht regelmäßig ein wichtiges Nachschlagewerk zu psychischen Störungen. Andere Impulskontroll-Störungen sind zum Beispiel Pyromanie (die Sucht zu Zündeln) oder Spielsucht (Pathologisches Glücksspielen).

Um Kleptomanie zu erkennen, nennt die WHO (ICD-10) 2 Merkmale: Es müssen mindestens 2 oder mehr Diebstähle ohne erkennbares Motiv für sich selbst oder andere geschehen. Außerdem muss ein intensiver Drang zum Stehlen vorliegen - mit einem Gefühl von Spannung vor dem Diebstahl und Erleichterung danach.

Eine Kleptomanin im Gespräch mit Galileo-Reporterin Barbara Cerveny

Zahlen und Fakten zur Kleptomanie

  • 👥

    Kleptomanie ist selten. In Stichproben neigen von 1.000 Menschen circa 6 zum pathologischen Stehlen oder sind aktuell davon betroffen.

  • 👗

    60 Prozent der Kleptomanen sind Frauen.

  • 💰

    Unter Kleptomanie leiden Menschen aus allen sozialen Schichten.

  • 📖

    Über 3/4 aller Kleptomanen haben eine höhere Schulbildung.

  • 🛒

    Nur circa 5 Prozent der gefassten Ladendiebe haben Kleptomanie.

  • 👩‍⚖️

    Bei einem Diebstahl kann es schnell zum Strafverfahren kommen. Auch ein Attest für Kleptomanie garantiert keine Schuldunfähigkeit.

  • 💸

    Gerichte geben bei Kleptomanen oft ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag. Dieses kann mehrere Tausend Euro kosten. Wenn es nicht zum vollständigen Freispruch kommt, muss der Angeklagte die Verfahrenskosten zahlen.

  • 🕐

    Kleptomanie beginnt meist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Trotz wiederholter Konfrontationen mit der Polizei und Verurteilungen kann eine Kleptomanie jahrelang andauern.

  • 😕

    Anfangs sind die krankhaften Episoden selten und die "gesunden" (also diebstahl-freien) Intervalle sind lang.

  • 😞

    Im 2. Stadium werden die Perioden des Stehlens länger, sind aber immer noch unterbrochen von unauffälligen Zwischenzeiten. Im chronischen Stadium geschehen die Diebstähle ohne größere Pausen.

  • 🚿

    30 Prozent der Betroffenen lassen zusätzlich zum Stehlen ein anderes zwanghaftes Verhalten erkennen, zum Beispiel Wasch-, Kontroll- oder Kaufzwang.

  • 🏥

    Geheilt werden kann Kleptomanie am besten durch Verhaltens-Therapie. Dabei lernen Kleptomanen in den Trigger-Situationen neue Bewältigungs-Strategien zu entwickeln.

  • 👭

    Tricks, wie die Hand des Partners zu halten, die Luft anzuhalten, den Laden zu verlassen oder an etwas Unangenehmes zu denken, können helfen.

Veröffentlicht: 28.01.2021 / Autor: Franziska Schosser