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Gehörlos leben: Wie sieht der Alltag in totaler Stille aus?

In Deutschland leben rund 80.000 Gehörlose. Wie sieht ihr Alltag aus? Im Clip: ein Interview mit Florian. Er ist von Geburt an gehörlos - und gibt uns 10 ehrliche Antworten.

Das Wichtigste zum Thema Gehörlosigkeit

  • Gehörlosigkeit bedeutet, dass Geräusche und Töne nicht oder nur stark eingeschränkt wahrgenommen werden.

  • Aus medizinischer Perspektive ist man gehörlos, wenn man im Bereich zwischen 125 und 250 Hertz (Hz) einen Hörverlust von mehr als 60 Dezibel (dB) (im übrigen Frequenzbereich von mehr als 100 dB) hat. Zum Vergleich: Ein gesundes Ohr kann Geräusche knapp über 0 Dezibel wahrnehmen.

  • Die Laute dringen bei Gehörlosen zwar ins Ohr, doch das Hör-Organ kann sie nicht verarbeiten oder weiterleiten.

  • In Deutschland leben etwa 80.000 Gehörlose. Viele verständigen sich in der Gebärdensprache. Andere beherrschen die Lautsprache und lesen von den Lippen ab.

  • Wie sieht der Alltag eines Gehörlosen aus und was kannst du tun, um dich bestmöglich mit ihm zu verständigen? Das erfährst du weiter unten!

Ist Gehörlosigkeit vererbbar?

Etwa eins von 1.000 Neugeborenen kommt mit einer ausgeprägten Schwerhörigkeit oder Gehörlosigkeit zur Welt. Davon sind etwa 15 Prozent der Gehörlosigkeit ererbt.

In den meisten Fällen kommt es noch während der Schwangerschaft im Mutterleib zur Gehörlosigkeit, durch eine Viruserkrankung (wie Röteln oder Toxoplasmose) der Mutter, Medikamente (Antibiotika) oder Alkohol und Nikotin.

Während der Geburt können Sauerstoffmangel oder ein sogenanntes mechanisches Geburts-Trauma Gehörlosigkeit verursachen.

Gründe für einen späteren Hörverlust sind häufig Hirnhautentzündungen, Schädelbrüche, Virus-Infektionen wie Mumps oder Masern, chronische Mittelohrentzündungen oder bestimmte Medikamente.

In vielen Fällen bleibt die Ursache der Gehörlosigkeit trotz des medizinischen Fortschritts aber unbekannt.

Mit Gehörlosen kommunizieren: Darauf kannst du achten

  • 🖐

    Ziehe Aufmerksamkeit auf dich, bevor du den Gehörlosen ansprichst, zum Beispiel durch Winken. Du kannst dein Gegenüber auch leicht an der Schulter berühren oder das Licht ein- und ausschalten.

  • 👀

    Sieh dein Gegenüber beim Sprechen an und halte Blickkontakt.

  • 👄

    Verdecke nicht den Mund beim Sprechen.

  • 🗣

    Sprich langsam und deutlich. Halte die Sätze kurz - so werden sie besser verstanden.

  • 👌

    Achte auf deutliche Mimik und Gestik. Lass gern natürliche Gebärden einfließen.

  • 📝

    Halte dein Handy oder Zettel und Stift bereit und schreibe nicht Verstandenes auf.

  • 🤟

    Lerne Gebärdensprache. Ein paar Tipps für den Start findest du weiter unten.

Wenn Gehörlose tanzen

Gebärdendolmetscherin für Musik & gehörlose Tänzerin

Wenn Gehörlose tanzen

Kassandra ist professionelle Tänzerin - und gehörlos. Sie ist Teil der Hip Hop-Gruppe "Nikita". Hier performen Gehörlose und Hörende gemeinsam.

Gehörlose sind nicht "taubstumm"

  • 🗨

    Immer wieder kommt es vor, dass Hörende aus Unwissenheit den Begriff taubstumm benutzen.

  • 😰

    Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. weist darauf hin, dass das Wort "taubstumm" veraltet ist und von vielen gehörlosen Menschen als abwertend und diskriminierend empfunden wird.

  • 🗯

    Anders als die Bezeichnungen "gehörlos" und "taub" stimmt "taubstumm" nicht. Gehörlose Menschen sind taub - aber nicht stumm, denn: Sie können sich in Gebärdensprache ausdrücken und sprechen.

Gebärdensprache vs. Lippenlesen: So war es früher

Jahrhundertelang galten Gehörlose als geistig zurückgeblieben, weil sie sich mit hörenden Menschen kaum verständigen konnten. Vor rund 200 Jahren zwang man sie noch dazu, anderen ausschließlich von den Lippen abzulesen. Die Gebärdensprache war in Deutschland bis in die 1980er Jahre an vielen Gehörgeschädigten-Schulen verpönt. Seit 2002 ist sie als Sprache anerkannt.

Als geistiger Vater der Gebärdensprache gilt der Pariser Geistliche Abbé Charles Michel de L'Epée. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts rief er die erste Gehörlosenschule ins Leben - daher nennt man den gebärdensprachlichen Ansatz auch die "französische Methode".

Er gilt als geistiger Vater der Gebärdensprache: Charles-Michel de l'Epée.


Er gilt als geistiger Vater der Gebärdensprache: Charles-Michel de l'Epée (1712-1789).
© GettyImages

Etwa zur gleichen Zeit gründete Samuel Heinicke in Leipzig das "Chursächsische Institut für Stumme und andere mit Sprachgebrechen behaftete Personen". Hier lernten Gehörlose aber keine Gebärdensprache, sondern das Sprechen und Lippenlesen - der lautsprachliche Ansatz wird daher auch als "deutsche Methode" bezeichnet.

Gebärdensprache vs. Lippenlesen: So ist es heute

Inzwischen lernen viele Betroffene sowohl Gebärdensprache als auch Lippenlesen. Welches Verfahren besser geeignet ist, Gehörlosen das Leben leichter zu machen - darüber sind sich die Anhänger beider Methoden immer noch nicht einig.

Fest steht: Im Schnitt lassen sich nur rund 30 Prozent des Gesagten über das Lippenlesen eindeutig erfassen. Der Grund: Viele Wörter sind sich einfach zu ähnlich, um sie an der Bewegung des Mundes unterscheiden zu können, zum Beispiel "aus" und "Haus". Hier muss man sich den Sinn also zusammenreimen.

Zur stressfreien Verständigung zwischen Gehörlosen und Hörenden tragen Gebärden-Dolmetscher bei. Vor Gericht haben Gehörlose ein Recht auf einen solchen Dolmetscher.

Ist Gebärdensprache auf der ganzen Welt gleich?

Nein, neben der Deutschen Gebärdensprache (DGS) gibt es noch viele weitere wie die Chinesische, Amerikanische, Französische, Thailändische und Englische Gebärdensprache. Selbst jedes Bundesland hat bei uns seinen eigenen Gebärden-Dialekt.

Im Gegensatz zur Lautsprache können sich Briten und Amerikaner übrigens kaum verstehen, da sich ihre Gebärdensprachen stark voneinander unterscheiden.

Es gibt aber auch Ähnlichkeiten unter den Gebärdensprachen. So haben sie beispielsweise ähnliche Zeichen für bestimmte Körperteile wie "Bauch" oder "Auge" und entsprechende Begriffe, die sich davon ableiten - wie "essen" oder "sehen".

So funktioniert Gebärdensprache

  • Du bildest Worte mit deinen Händen.

  • 👄

    Wichtige Faktoren sind außerdem: Der Gesichtsausdruck (Mimik), die Mundbewegung (Mundbild) und "Geräusche" (Wortbild), die man während des Gebärdens macht.

  • 🖼

    Ein Drittel der Gebärden sind ikonografisch. Das bedeutet: Du stellst das Wort mit deinen Händen bildhaft dar.

  • 📕

    Zwei Drittel der Gebärden sind allerdings nicht bildhaft und müssen daher erlernt werden.

  • 🙅

    Je nach Position haben die Gebärden eine unterschiedliche Aussage. Die meisten Gebärden führst du vor der Brust oder neben dem Gesicht aus.

  • 🎶

    Kleinere Bewegungen gelten als Flüstern, während große, ausholende Bewegungen schon in Richtung Schreien gehen.

Probier's aus: 5 einfache Ausdrücke in Gebärdensprache

Rap in Gebärdensprache

Weißt du, wie man SKRRT! in Gebärdensprache übersetzt? Nein, Matt Maxey schon! Er ist der offizielle ASL-Übersetzer für den US-Rapper Chance the Rapper (ASL steht für American Sign Language - die amerikanische Gebärdensprache).

Inzwischen gibt es auf vielen Konzerten bekannter Musiker ASL-Übersetzer, die Songs am Bühnenrand in Gebärdensprache interpretieren. Die Übersetzungen sind so cool, dass sie den Haupt-Acts manchmal sogar die Show stehlen. Überzeug dich selbst!

Veröffentlicht: 06.10.2020 / Autor: Viviane Osswald