Die Grenzwerte für weitere Einschränkungen liegen bei einer 7-Tage-Inzidenz von 35 beziehungsweise 50. Was dahinter steckt.

Debatte über Inzidenzwert von 35: Wie wird die Zielmarke geregelt?

Diese Woche beraten Bund und Länder wieder über die Corona-Maßnahmen. Bislang soll es weitgehende Lockerungen erst ab einer 7-Tage-Inzidenz von 35 geben. Doch ist diese Zielmarke realistisch? Und wie wird sie geregelt? Das erfährst du hier.

Das Wichtigste zum Thema Inzidenzwert

  • Wie viele Menschen infizieren sich gemessen auf 100.000 Einwohner:innen innerhalb von 7 Tagen mit dem Corona-Virus? Die Antwort auf diese Frage ist für die Politik seit Monaten ein Leitfaktor bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie.

  • Zuletzt haben sich Bund und Länder darauf geeinigt, Lockerungen ab einem Inzidenzwert von unter 35 zu ermöglichen. Zuvor waren es noch 50. Grund für den verschärften Wert: Die Virus-Mutationen - insbesondere die britische Variante -, könnten die Infektionszahlen schneller in die Höhe treiben.

  • Aktuell fallen die Inzidenzwerte kaum noch. Mancherorts steigen sie sogar wieder an. Forscher mahnen schon jetzt: Der Zielwert von 35 ist vielerorts nicht erreichbar. Stimmen aus der Politik fordern indes, weitere Faktoren zu berücksichtigen.

So wird die 7-Tage-Inzidenz ausgerechnet

  • Achtung, Verwechslungsgefahr: Die 7-Tage-Inzidenz gibt nicht an, wie viele Personen im Moment positiv auf das Corona-Virus getestet wurden.

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    Stattdessen zeigt sie die Geschwindigkeit der Ausbreitung an.

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    Der Wert gibt an, wie viele Menschen in den vergangenen 7 Tagen, gemessen auf 100.000 Einwohner:innen, neu positiv auf das Corona-Virus getestet wurden.

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    Der Inzidenzwert ist vergleichbar, zum Beispiel zwischen einem Dorf mit 3.000 Einwohner:innen und einer Stadt mit 600.000.

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    Alle gemeldeten Neu-Infektionen der letzten 7 Tage werden summiert. Dann wird das Ergebnis durch die Zahl der Einwohner:innen geteilt und anschließend mit 100.000 multipliziert.

Wie viele sind zu viele? Die Zielmarke variiert

Im Mai 2020 haben Bund und Länder eine 7-Tages-Inzidenz von 50 als Zielmarke - oder eher Notbremse - festgelegt. Bis zu diesem Wert sollen die Gesundheitsämter noch jede Infektion nachvollziehen können. Das sei auch jetzt noch so, betonte Kanzlerin Angela Merkel während der letzten Bund-Länder-Runde.

Mit Blick auf die Ausbreitung der neuartigen Virus-Mutationen mahnt sie aber zu Vorsicht und Zurückhaltung. Daher gilt seit Mitte Februar: Weitere Lockerungen zum Beispiel im Einzelhandel oder bei Museen sind nicht möglich, bevor die 7-Tage-Inzidenz nicht stabil unter 35 gesunken ist. 

Die Differenz zwischen einer 50er- und einer 35er- Inzidenz macht aktuell folgenden Unterschied (Stand 1. März): Statt in 151 Landkreisen (mit einer Inzidenz unter 50) könnten Corona-Maßnahmen nur in 46 Landkreisen (mit einer Inzidenz unter 35) gelockert werden.

Während einige Landkreise die Zielmarke also schon unterbieten, liegt die 7-Tage-Inzidenz bundesweit bei 65,8 (Stand: Montag, 1. März).

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält selbst die 35 noch für zu riskant. Der Richtwert müsste darunter liegen. "Die 25 ist die neue 50", so Lauterbach. Wenn wir eine 25er-Inzidenz haben und der R-Wert nicht höher als 0,7 liegt, hätten wir ihm zufolge die Pandemie im Griff.

Wie wird die Zielmarke der 7-Tage-Inzidenz geregelt?

Die Zielmarken der 7-Tage-Inzidenz stehen im Infektionsschutzgesetz. Im November 2020 wurde Paragraph §28 neu eingeführt, der die Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus regelt.

Hier heißt es: ab einer Inzidenz von 50 sind umfassende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Das sei laut Merkel die Zahl, an der die "wirklich weitreichendsten Maßnahmen getroffen werden".

Ab einer Inzidenz 35 müssen laut §28 "breit angelegte Schutzmaßnahmen" ergriffen werden.

Kritik am Inzidenzwert von 35

Kritiker bemängeln, dass im Gesetz nicht genauer definiert ist, was nun "umfassende" und was "breit angelegte" Maßnahmen sind. Das treibt die Debatte um die Zielmarke der 7-Tage-Inzidenz weiter an.

Die Zahl allein sagt wenig aus - man brauche weitere Messgrößen, fordern Stimmen aus der FDP und SPD. So soll auch die Zahl der freien Intensiv-Betten sowie die Fähigkeit der Gesundheitsämter, Infektionsketten nachzuverfolgen, berücksichtigt werden. Außerdem müsse viel klarer sein, was wann eingeschränkt werden darf.

Die Zielmarke von 35 aus Sicht der Forschung

  • 🧐

    Eine Forschungsgruppe um Kai Nagel von der TU Berlin hat das Infektions-Geschehen in Berlin modelliert - unter anderem mit anonymisierten Mobilfunk-Daten.

  • 🇩🇪

    Laut Nagel, Leiter des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik an der TU Berlin, sind die Ergebnisse auf ganz Deutschland übertragbar.

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    Nagels Erkenntnis: Ohne zusätzliche Maßnahmen sei es unrealistisch, den 35er-Wert zu erreichen.

  • 📈

    Laut dem Modell droht mit Hinblick auf die deutlich ansteckenderen Virus-Mutationen eine 3. Welle, sollten die jetzigen Maßnahmen einfach beibehalten werden. Jede Art von Öffnungen vergrößere laut Kai Nagel diese Welle.

  • 📉

    Wie also dagegenhalten? Laut Nagel gilt es, Kontakte in Innenräumen ohne Schutzmaßnahmen generell zu vermeiden, neben Schulen zählen dazu auch Mehrpersonen-Büros und gegenseitige Besuche. Weitere mögliche Schutzmaßnahmen: Masken, Schnelltests, Impfungen und eine Verlagerung von Veranstaltungen nach draußen.

Inzidenzwert bleibt wohl weiter Leitfaktor

Am Mittwoch, 3. März, beraten Bund und Länder wieder über die Corona-Maßnahmen. Die Kern-Frage dabei: Wird es nach 4 Monaten Lockdown Lockerungen geben?

Bei den Beratungen werden Inzidenzwerte wohl weiterhin ein wesentlicher Leitfaktor bleiben. Kanzlerin Angela Merkel sprach zuletzt von paketweisen "Öffnungs-Schritten". Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder wirbt für ein Konzept, das Öffnungen bei niedrigeren Inzidenzwerten vorsieht, aber auch die Möglichkeit der Sicherheit bietet, sollten sie schlechter werden.

Denkbar wäre ein Konzept ähnlich zur Corona-Ampel, die es schon im vergangenen Jahr gab. Öffnungen von Geschäften und mehr Kontakte seien unter einem Inzidenzwert unter 35 auf regionaler Ebene denkbar. Bei schlechteren Werten müssten die Maßnahmen wieder verschärft vorgesehen.

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Veröffentlicht: 01.03.2021 / Autor: Viviane Osswald