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Immunitäts-Pass: Was dafür und was dagegen spricht

Deutschland diskutiert weiter: Brauchen wir einen Immunitäts-Pass für alle, die eine Corona-Infektion schon hinter sich haben? Hier findest du alle Argumente dafür und dagegen.
Teaserbild: Immunitäts-Pass: Was dafür und was dagegen spricht

Das Wichtigste zum Thema Immunitäts-Pass

  • Seit einigen Monaten ist er im Gespräch: Ein Corona-Immunitäts-Pass für Genesene. Er würde wie ein Impfpass funktionieren: So wie man eintragen kann, ob man gegen Masern immun ist, können Genesene das auch nach einer überstandenen Corona-Infektion.

  • Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich schon im Mai für einen Immunitäts-Pass ausgesprochen und wollte ihn gesetzlich verankern. Doch die Kritik an einem Nachweis für Immunität wurde immer lauter. So laut, dass er den Deutschen Ethikrat um eine Stellungnahme bat.

  • Dieser hat sich nun gegen die Einführung eines Corona-Immunitäts-Passes ausgesprochen. Der Grund: Aktuell ist nicht abschließend geklärt, ob beziehungsweise wie lange man nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 immun gegen das Virus ist.

  • Ganz vom Tisch ist das Thema damit aber nicht. Angesichts der sich ständig verändernden Erkenntnisse in Sachen Covid-19 sei das momentan wie "einen Pudding an die Wand zu nageln", sagt die Ethik-Rat-Vorsitzende Alena Buyx.

  • Alle Argumente für und gegen einen Immunitäts-Pass findest du auf dieser Seite.

Dafür oder Dagegen: Das ist das Voting-Ergebnis

Die Zuschauer haben in der Galileo-App abgestimmt:


Immunitäts-Pass: 3 von 4 Galileo-Zuschauern sind gegen eine Einführung.
© Galileo

Spahn bittet den Deutschen Ethik-Rat um Stellungnahme

Immunitäts-Pass: Warum der Ethik-Rat davon abrät

  • Ist ein Immunitäts-Pass sinnvoll, ethisch vertretbar, fair und sicher umsetzbar? Der Ethik-Rat sagt zum jetzigen Zeitpunkt: Nein.

  • 🗨

    Die Begründung: "Der aktuelle naturwissenschaftlich-medizinische Sachstand spricht nach Auffassung aller Ratsmitglieder dagegen, zum jetzigen Zeitpunkt die Einführung einer Immunitätsbescheinigung zu empfehlen", heißt es im Tweet des Ethik-Rats (unten) .

  • Selbst für den Fall, dass die Immunität künftig verlässlich nachweisbar wäre, gehen die Meinungen über die Einführung einer Bescheinigung auseinander.

  • 👍

    12 der 24 Mitglieder des Ethik-Rats halten dann Immunitäts-Pässe für sinnvoll - stufenweise, zeitlich begrenzt und nur für bestimmte Bereiche.

  • 👎

    Die andere Hälfte des Gremiums entgegnet: Die praktischen, ethischen und rechtlichen Bedenken gegen einen Immunitäts-Pass sind zu groß. Es drohe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Eine weitere Sorge: Pass-Inhaber könnten im Umgang mit der Epidemie nachlässig und zu einem schlechten Vorbild werden für diejenigen, die nicht immun sind.

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Immunitäts-Pass: Wie geht's weiter?

Ob ein Immunitäts-Pass kommt, ist also völlig offen. Die Haltung des Ethikrats ist geteilt. Konkrete Forderungen an die Politik hat er trotzdem:

  • Mehr Aufklärung über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wie sich sorgloses Verhalten in der Corona-Pandemie auf einen selbst und die Mitmenschen auswirkt.
  • Mehr Forschung und mehr Informationen über die Aussagekraft von Antikörper-Tests.
  • Eine strengere Regulierung von frei verkäuflichen Antikörpertests, die eine Immunität nachweisen sollen. Sie seien nicht verlässlich und wögen Menschen in vermeintlicher Sicherheit.

Das sagen die Befürworter

  • 👨‍⚕️

    Wenn es einen wissenschaftlichen Beweis für eine Immunität gibt, würde es ein Immunitäts-Pass möglich machen, unbeschwerter bestimmten Tätigkeiten nachzugehen - ohne Maske, ohne Abstand. So argumentiert Gesundheitsminister Spahn.

  • 😷

    Das ist vor allem für Menschen in systemrelevanten Berufen hilfreich. Altenpfleger und Ärzte zum Beispiel könnten nach überstandener Corona-Infektion ungehindert ihre Arbeit wieder aufnehmen.

  • 👭

    Genesene haben wieder mehr Freiheiten. Wer nachweislich immun ist, könnte den Immunität-Pass vorlegen und damit ins normale Leben zurückkehren, wieder Freunde treffen und sich freier bewegen.

Es gibt auch kritische Stimmen

Das sagen die Gegner

  • Eine Immunität lässt sich wissenschaftlich noch nicht nachweisen. Außerdem ist bislang unklar, wie lange wir nach einer Corona-Infektion immun sind. Deshalb rät auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Vorsicht.

  • Ein Immunitäts-Pass vermittelt eine falsche Sicherheit. Es gibt neben Sars-CoV-2 noch viele andere Corona-Viren, die unser Immunsystem mit ähnlichen Antikörpern bekämpft. Das birgt die Gefahr, dass ein Test auf ein anderes Corona-Virus reagiert und wir uns in trügerischer Sicherheit wiegen. Auch möglich: Der Test findet zu früh statt, sodass sich die Antikörper noch nicht im Blut gebildet haben. Dann fällt er negativ aus, obwohl wir uns mit Sars-CoV-2 infiziert haben.

  • Ein Immunitäts-Pass ist kontraproduktiv. Eigentlich sollten wir uns lieber darauf konzentrieren, Kontakte zu reduzieren, meint Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

  • 📱

    Kritik kommt auch von Datenschützern. "Bei jeder Form von Immunitäts-Nachweisen handelt es sich um Gesundheitsdaten, die besonders zu schützen sind", sagt der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber (SPD).

  • 📱

    Datenschützer wollen außerdem nicht, dass künftig vielleicht noch mehr persönliche Befunde in solch einem Pass notiert werden, HIV-Infektionen oder Hepatitis zum Beispiel.

  • Ein Immunitäts-Pass ist diskriminierend. Grünen-Politikerin Kirsten Kappert-Gonther befürchtet eine gesellschaftliche Spaltung, weil manche mehr Grundrechte hätten als andere.

  • 🗣

    Es besteht die Gefahr einer absichtlichen Ansteckung. Die Hoffnung auf mehr Bewegungsfreiheit könnte manche dazu verlocken, sich vorsätzlich zu infizieren. Damit würden die Infektionszahlen steigen, und Risikogruppen wären noch stärker gefährdet.

Immunität als Bonus - so war das während der Gelbfieber-Epidemie

  • 🐝

    Im 19. Jahrhundert herrschte Gelbfieber im Süden der USA. Übertragen wurde es von Stechmücken, die sich im dortigen warmen, feuchten Klima sehr wohl fühlen.

  • 🤒

    Die Krankheit begann mit Fieber, Schmerzen und Übelkeit. Etwa die Hälfte aller Angesteckten überlebte damals nicht.

  • 💪

    Wer die Krankheit aber überstand, war für den Rest seines Lebens immun und wurde als "akklimatisiert" bezeichnet.

  • 💵

    Die "Akklimatisierten" hatten auf dem Arbeitsmarkt und auch im gesellschaftlichen Leben weit größere Chancen - durch ihren "Immunitäts-Bonus". An der Immunität entschied sich zudem, in welchem Viertel man wohnte, wie viel man verdiente und sogar wen man heiraten konnte.

  • Es gab ohnehin viele Spaltungen in der Gesellschaft, auch zwischen Weißen und Schwarzen. Mit dem Immnunitäts-Bonus gab es eine weitere Grenze: zwischen den Immunen und den noch nicht an Gelbfieber Erkrankten.

  • 😓

    Viele Menschen, die unbedingt Arbeit brauchten, versuchten verzweifelt, sich absichtlich anzustecken, um den eigenen Wert auf dem Arbeitsmarkt zu steigern. Oft endete das tödlich.

Veröffentlicht: 28.09.2020 / Autor: Viviane Osswald