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Streit um Corona-Impfstoff: Warum so wenig geliefert wird

Fast einen Monat nach Impf-Start in Deutschland geraten die Impfungen gegen COVID-19 ins Stocken. Was läuft da schief?
Großbritannien, Sunderland: Medizinisches Personal befüllt eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff von Oxford/Astrazeneca im NHS Nightingale Hospital North East.

Das Wichtigste zum Thema Corona-Impfungen

  • Seit 1 Monat laufen in Deutschland die Impfungen gegen Corona. 64.000 Spritzen kommen im Schnitt pro Tag zum Einsatz.

  • Rund 1,9 Millionen Menschen wurden mittlerweile gegen Corona geimpft. Das sind etwa 2 Prozent der Bevölkerung. Davon haben mehr als 283.000 auch die 2. Impfung erhalten und gelten somit als immun (Stand: 26. Januar).

  • Die meisten Geimpften in Deutschland bekamen das Vakzin des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer - davon wurden 1,89 Millionen Dosen verabreicht. Gut 30.000 erhielten den Impfstoff der US-Firma Moderna.

  • Im Vergleich zu Großbritannien (10 Prozent) oder Israel (32 Prozent) wurden aber prozentual weit weniger Menschen geimpft - und auch weniger als vorgesehen. Was sind die Probleme?

Die Probleme bei AstraZeneca

Die Vakzine von Biontech/Pfizer und Moderna sind inzwischen zugelassen. Das Vakzin des britischen Unternehmens AstraZeneca wäre Nummer 3 - eine Zulassung wird für diese Woche erwartet.

Doch jetzt verkündete das Unternehmen aus Cambridge, bis Ende März nur 31 statt 80 Millionen Dosen liefern zu können. Der Grund: Probleme in der Lieferkette. Der Vertragsabschluss mit der EU sei laut Pascal Soriot, Chef von Astrazeneca, zu langsam erfolgt, sodass nicht genug Zeit war, um Anfangsprobleme zu beheben.

Zum Vergleich: Auch in Großbritannien gab es Pannen. Doch man hatte auch mehr Zeit zu reagieren, da der Vertrag mit den Briten 3 Monate vor dem mit Brüssel geschlossen wurde.

Zoff zwischen der EU und AstraZeneca

Diese Begründung will die EU nicht gelten lassen und lud deshalb am Mittwochabend (27. Januar) zur Krisensitzung mit Vertretern des britisch-schwedischen Konzerns und Experten der EU-Staaten. Die blieb allerdings ohne Ergebnis.

Die EU besteht weiterhin auf der Lieferung der vereinbarten Menge und weist die Darstellungen von AstraZeneca zur Vertragslage zurück. AstraZeneca-Chef Pascal Soirot wollte jedoch keine konkreten Zusagen machen.

"AstraZeneca muss liefern", sagte EU-Kommissarin für Gesundheit, Stella Kyriakides. "Die Firma hat eine moralische, gesellschaftliche und vertragliche Verpflichtung." Pascal Soirot hatte in einem Interview hingegen gesagt, seine Firma habe sich nur dazu verpflichtet, "nach besten Kräften" zu liefern.

Die EU sieht das aber anders: Man habe dem Unternehmen ja einen Vorschuss gewährt, um vor der für Freitag erwarteten Zulassung auf Halde zu produzieren. Stattdessen wurden Fläschchen nach Großbritannien geliefert.

Wie geht es weiter mit dem AstraZeneca-Vakzin?

  • 🧐

    Behörden inspizieren AstraZeneca-Standort: Darum bat die EU-Kommission belgische Behörden, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtet. Zu prüfen ist, ob die Liefer-Verzögerungen tatsächlich mit Problemen im belgischen Werk zusammenhängen.

  • 📄

    Es soll einen klaren Plan geben: EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides bedauerte via Twitter, dass es immer noch nicht genug Klarheit gäbe. Die EU fordere jetzt von AstraZeneca einen klaren Plan, wie die Impf-Dosen schnell geliefert werden können, die fürs 1. Quartal bestellt wurden.

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Mehr Kontrolle beim Impstoff-Export

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Die Probleme bei Biontech/Pfizer

Astra Zeneca ist nicht der erste Produzent, der über Lieferprobleme berichtet. Kurz zuvor kündigten auch die Mainzer Firma Biontech und ihr US-Partner Pfizer an, dass ein Werk in Belgien umgerüstet werde und es kurzzeitig zu Einschränkungen komme. Dafür soll die Fabrik aber hinterher mehr herstellen können.

Biontech und Pfizer bekommen Unterstützung

Biontech und Pfizer bekommen Unterstützung vom französischen Pharmakonzern Sanofi - und zwar konkret in der späten Phase, beim Abfüllen des Impfstoffs. Dafür soll das Sanofi-Werk in Frankfurt genutzt werden, in der Nähe vom Biontech-Hauptsitz in Mainz.

Das Werk am Standort Frankfurt-Höchst müsse aber erst noch umgerüstet werden, so eine Sprecherin von Sanofi Deutschland. Der Grund: Sanofi forscht aktuell selbst an einem Corona-Impfstoff auf Proteinbasis, zusammen mit dem britischen Konzern GlaxoSmithKline (GSK). Und dieser basiert eben - anders als der Impfstoff von Biontech - nicht auf der Technologie von mRNA-Botenstoffen.

Ab Sommer 2021 will Sanofi dann mehr als 125 Millionen Dosen des Biontech/Pfizer-Impfstoffs für die EU liefern.

Auch an den eigenen Mitteln will Sanofi weiterhin forschen

  • 🧓

    Sanofi will weiter an seinem Covid-19-Impfstoff arbeiten - auch wenn es zuletzt einen Rückschlag gab: Der mit GSK entwickelte Impfstoff zeigte bei älteren Erwachsenen nicht ausreichend Wirkung.

  • 🔬

    Jetzt folgen weitere Studien mit einem verbesserten Mittel. Sollten die erfolgreich sein, rechnet Sanofi Ende 2021 mit einer Zulassung.

  • 💉

    Gleichzeitig entwickelt Sanofi in Partnerschaft mit der US-Firma Translate Bio auch einen mRNA-Impfstoff.

Doch nur 5 Impf-Dosen vom Biontech-Impfstoff?

Die Idee, vom Biontech-Impfstoff 6 statt 5 Dosen aus einem Fläschchen zu ziehen, entpuppt sich als Flop.

👎 Das Problem:

Oft reiche es nicht für die 6. Impf-Dosis, obwohl die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) offiziell grünes Licht dafür gab. Anstatt 20 Prozent mehr Personen impfen zu können, sind es vielerorts bis zu 17 Prozent weniger, da oft doch nur 5 statt der bezahlten 6 Dosen aus einem Fläschchen gezogen werden können. Restmengen aus mehreren Behältnissen darf man nicht zusammenschütten.

➡ Die Konsequenz:

Es fehlt ein erheblicher Teil der eingeplanten Menge und Impf-Termine müssen verschoben werden.

💬 Die Erklärung:

Angesichts der winzigen Menge von 0,3 Milliliter pro Impfung spielen Material und Geschicklichkeit eine wichtige Rolle - weil jeder Tropfen genutzt werden muss. Laut Biontech müssten Spezialspritzen verwendet werden, mit geringem "Totvolumen". Als Totvolumen wird die Menge an Impfstoff bezeichnet, die am Ende im Kolben der Spritze bleibt.

❓ Die mögliche Lösung: 

Biontech stellt nach eigenen Angaben 50 Millionen Spezialspritzen zur Verfügung. Die Nadeln würden zum Selbstkostenpreis weiterverkauft. Diese seien zwar allen Bundesländern und EU-Staaten angeboten worden, doch nur "einige" hätten sie gekauft.

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Veröffentlicht: 28.01.2021 / Autor: Viviane Osswald