Themenseiten-Hintergrund

Corona-Impfstoffe aus Russland und China: Wie sicher sind Sputnik V und Co.?

Deutschland kommt mit den Corona-Impfungen nur langsam voran - jetzt wird über den Einsatz von Sputnik V, CoronaVac und BBIBP-CorV diskutiert. Was können die Impfstoffe aus Russland und China - und wie sicher sind sie?
Corona-Impfstoffe aus Russland und China: Wie sicher sind Sputnik V und Co.?12

Das Wichtigste zum Thema Corona-Impfstoffe

  • Knapper Impfstoff und Liefer-Engpässe lassen Corona-Impfungen in Deutschland nur langsam voran schreiten.

  • Dadurch rücken auch Vakzine in den Fokus, die hierzulande noch nicht genutzt werden.

  • Sollten Impfstoffe aus Russland und China regulär nach europäischem Recht zugelassen sein, können sie "bei der Bewältigung der Pandemie natürlich helfen", sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

  • Aber was weiß man über die Sicherheit und Wirksamkeit dieser Vakzine überhaupt? Und welche sind noch aussichtsreich? Wir haben den Überblick.

Sputnik V aus Russland 🇷🇺

Der Wirkstoff aus Russland war im Sommer 2020 als weltweit erster freigegeben worden - obwohl er bis an weniger als 100 Probanden getestet wurde. Das sorgte für heftige Kritik - trotzdem begann die Massenimpfung der russischen Bevölkerung im Dezember.

Jetzt hat die renommierte Fachzeitschrift "The Lancet" vorläufige Ergebnisse der Phase-3-Studie mit rund 20.000 Probanden veröffentlicht, die von internationalen Wissenschaftlern überprüft wurden.

Demnach biete Sputnik V eine hohe Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Das bedeutet, dass in der geimpften Gruppe 91,6 Prozent weniger Erkrankungen pro 100 Probanden auftraten als in der Kontrollgruppe. Damit hätte Sputnik V nahezu die gleiche Wirksamkeit wie die Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer, und eine höhere als das Mittel von Astrazeneca.

Die Entwicklung des Vakzins sei als übereilt, nicht gründlich und intransparent kritisiert worden, schreiben Wissenschaftler in einem Kommentar zur Studie. Aber das Ergebnis sei "klar und das wissenschaftliche Prinzip der Impfung wurde dargelegt: Das heißt, ein weiterer Impfstoff kann nun in den Kampf gegen COVID-19 gebracht werden, um die Infektionszahlen zu reduzieren."

Schwerwiegende Nebenwirkungen habe es bei Sputnik V nur selten gegeben - die haben die Forscher aber nicht auf das Vakzin zurückgeführt. Einige der Geimpften hätten von Schmerzen an der Einstichstelle oder grippe-ähnlichen Symptome berichtet. Diese Nebenwirkungen sind auch für die in der EU zugelassenen Impfstoffe bekannt.

Jetzt, da die EU aktuell mit Astrazeneca über die Lieferung deren Corona-Impfstoff streitet, will Russland mit seinem Vakzin aushelfen. Im 2. Quartal könnten 100 Millionen Dosen von Sputnik V geliefert werden - sprich 50 Millionen Menschen könnten geimpft werden. Die Voraussetzung: Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) lässt den Wirkstoff zu. Ein entsprechender Antrag wurde schon eingereicht. Die EU verlangt dafür indes noch deutlich mehr Daten und Einblicke in das Testverfahren.

Sputnik V...

  • 🧫

    ... ist ein Vektor-Impfstoff und funktioniert ähnlich wie das Vakzin von AstraZenec: Ein harmloses Erkältungs-Virus wird als Transporter genutzt, um genetische Informationen für ein Protein des Erregers - hier also SARS-CoV-2 - in den Körper zu schleusen. Das Ziel: Das Immunsystem bildet Antikörper gegen das Protein.

  • 🔬

    ... wurde am Gamaleya-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt.

  • 🆒

    ... kann bei 2 bis 8 Grad gelagert werden.

  • 💉

    ... wurde schon mehr als 1,5 Millionen Menschen geimpft. Mittlerweile ist er auch außerhalb Russlands im Einsatz: in Serbien, Paraguay, Argentinien, Venezuela und seit kurzem auch in Ungarn - ohne Zulassung durch die EMA.

  • 🛰

    ... wurde nach dem 1. sowjetischen Satelliten im All benannt.

Impfstoffe aus China 🇨🇳

In China sind aktuell besonders viele Corona-Impfstoffe in der Entwicklung. Vielversprechend sind insbesondere die Vakzine der Unternehmen Sinovac und Sinopharm.

BBIBP-CorV von Sinopharm

Laut einer Zwischen-Auswertung der Phase-3-Studie an 30.000 Freiwilligen in den Vereinigten Arabischen Emiraten soll die Wirksamkeit von BBIBP-CorV bei 79 Prozent liegen. Auch in Bahrain und Peru laufen aktuell Phase-3-Studien.

Aber: Bislang wurden keine detaillierten Informationen zu den Ergebnissen veröffentlicht. Im Fachblatt "The Lancet" wurde eine Studie zu den Phasen 1 und 2 veröffentlicht, wonach der Wirkstoff beim Menschen die Produktion von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 anrege und keine bedenklichen Nebenwirkungen auslöse. Auf dieser Seite erfährst du, wie genau die 3 Phasen aussehen, die ein Impfstoff durchläuft.

Ob und wann eine reguläre Zulassung des Wirkstoffs in der EU erfolgen kann, ist noch unklar.

CoronaVac von Sinovac

In Brasilien läuft seit Ende Juli zusammen mit dem Butantan-Forschungsinstitut Studien-Phase 3 an rund 13.000 freiwilligen Probanden. Weitere Studien der Phase 3 gibt es unter anderem auch in Indonesien und der Türkei.

Je nach Land bewegen sich die Angaben zur Wirksamkeit von CoronaVac zwischen 50 und 91 Prozent. Auch hier fehlen detaillierte veröffentlichte Daten. 50 Prozent sind die Mindestanforderung, die von vielen Behörden für die Zulassung eines Coronavirus-Impfstoffs festgelegt wird.

BBIBP-CorV und CoronaVac...

  • 🔬

    ... sind Totimpfstoffe. Das heißt, sie setzen auf inaktivierte Viren - wie auch der jährlich angepasste Grippe-Impfstoff oder Vakzine gegen Polio. Dabei werden infizierten Personen SARS-CoV-2-Viren entnommen, vermehrt und abgetötet. Der Körper erachtet die inaktivierten Erreger als fremd - das Abwehrsystem wird angeregt.

  • 🌏

    BBIBP-CorV ist in China sowie in den Arabischen Emiraten und in Bahrain schon zugelassen. Auch Jordanien, Pakistan und Peru haben einen Einsatz angekündigt. Und: Ungarn hat bereits 5 Millionen Dosen geordert - auch hier ohne Zulassung durch die EMA.

  • 🌏

    CoronaVac wird trotz fehlender publizierter Daten aus den Phase-3-Studien bereits in China, Brasilien, Chile, Indonesien und in der Türkei verimpft.

Wann kommt die EU-Zulassung?

Ein Vakzin muss den Ansprüchen der EMA entsprechen, um das Zulassungsverfahren durchlaufen zu können - und das geht nur, wenn es Studien zur Wirksamkeit, Verträglichkeit und Zuverlässigkeit gibt. Laut SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach seien Vorabpublikationen nötig, aus denen detailliert hervorgehe, ob die Impfstoffe wirklich vor Covid-19 schützen und wie oft welche Nebenwirkungen auftreten. Diese könnte die EMA dann sichten - zusammen mit weiteren Daten, die die Hersteller nachreichen.

Bisher ist aber nicht klar, ob und wann die Firmen solche Daten liefern. Außerdem gibt es keine Erkenntnisse darüber, wie gut die Mittel gegen Virus-Mutationen schützen.

Wie ist es, gegen Corona geimpft zu werden?

Wie ist es, gegen Corona geimpft zu werden?

Unser Kollege Peter hat als einer der ersten Tester den deutschen Impfstoff gegen Covid-19 verabreicht bekommen. Wie geht es ihm heute?

Weitere Impfstoff-Kandidaten

  • 🇺🇸

    NVX-CoV2373US, das Mittel des US-Herstellers Novavax, soll eine Wirksamkeit von rund 90 Prozent bieten, verkündete das Unternehmen auf Basis von vorläufigen Testergebnissen. Und: Die Impfung soll genauso gut gegen die britische Virus-Mutation wirken. Die EU ist bereits in Vertrags-Verhandlungen mit Novavax. Der Stand ist bislang aber noch nicht bekannt.

  • 🇺🇸

    Ad26.COV2.S, der Impfstoff des US-Konzerns Johnson & Johnson und dessen Tochterfirma Janssen, soll laut einem Zwischen-Ergebnis der Phase-3-Studie mit rund 44.000 Probanden eine durchschnittliche Wirksamkeit von 66 Prozent bieten. Schwere Erkrankungen vermeide er zu 85 Prozent. Das Mittel hat den Vorteil, dass von ihm nur eine Dosis verabreicht werden muss - und nicht wie üblich 2. Ähnlich wie bei den Vakzinen von AstraZeneca und Sputnik V ist auch Ad26.Cov2.S ein Vektorimpfstoff, der auf einem genetisch veränderten Erkältungs-Virus basiert. Für die Lagerung heißt das: Kühlschrank-Temperaturen reichen aus.

  • 🇩🇪

    Curevac, der Corona-Impfstoff aus Tübingen, ist derzeit noch in der Entwicklung. Das Mittel soll wie die Vakzine von Biontech und Moderna auf sogenannten "messenger RNA" basieren. Das Unternehmen rechnet mit einer Zulassung im 2. Quartal 2021. Vor ein paar Wochen hatte Curevac eine Kooperation mit dem Pharmakonzern Bayer angekündigt. Durch die Zusammenarbeit sollen 2022 mindestens 1 Milliarde Dosen zur Verfügung stehen. Unklar ist bislang aber, ob es Auffrisch-Impfungen brauche und ob der Impfstoff wegen neuer Mutationen angepasst werden muss.

  • 🇮🇷

    Coviran Barekat aus dem Iran wurde nach iranischen Angaben seit Ende 2020 mehrmals erfolgreich getestet. Ergebnisse zeigen laut Minu Mohraz, Mitglied des iranischen Corona-Krisenstabs, dass er sogar "die neuartige und weitaus gefährlichere englische Variante des Virus voll und ganz neutralisiert hat". Der 2. lokale Impfstoff "Pasteur" sei derzeit in der Testphase. Gleichzeitig arbeitet der Iran mit kubanischen Experten an dem Corona-Impfstoff "Soberana 02".

Veröffentlicht: 04.02.2021 / Autor: Viviane Osswald