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Biontech, AstraZeneca und Co.: So wirken die Impfstoff-Kandidaten

Weltweit - auch in Deutschland - forschen Pharmaunternehmen intensiv an einem Corona-Impfstoff, um die Pandemie zu bekämpfen. Drei aussichtsreiche Impfstoffe sind im Rennen. Wie wirken sie und welche Vor- und Nachteile haben die Präparate? Im Clip: Darum dauert die Entwicklung so lange.
Teaserbild: Biontech, AstraZeneca und Co.: So wirken die Impfstoff-Kandidaten

Das Wichtigste zum Thema Corona-Impfstoff

  • Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden aktuell 48 mögliche Impfstoff-Kandidaten getestet, 164 weitere sind in der vorklinischen Entwicklung.

  • Nach der Mainzer Firma Biontech mit ihrem US-Partner Pfizer sowie der US-Firma Moderna meldet ein weiteres Unternehmen vielversprechende Ergebnisse einer Coronavirus-Impfstoff-Studie: Der britisch-schwedische Pharmakonzern AstraZeneca.

  • Anders als die sogenannten mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna basiert dessen Präparat auf der abgeschwächten Version eines Erkältungs-Virus bei Schimpansen. Was genau das bedeutet, erfährst du weiter unten.

  • Noch sind die Impfstoffe nicht behördlich zugelassen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet trotzdem noch in diesem Jahr mit ersten Impfungen gegen das Corona-Virus.

  • Wer finanziert den Impfstoff, wie lange dauert eine Zulassung - und wer wird zuerst geimpft? Wir klären wichtige Fragen am Ende der Seite.

Der Impfstoff von AstraZeneca

  • Noch ein vielversprechender Corona-Impfstoff: Das Vakzin des britisch-schwedischen Pharmakonzerns AstraZeneca habe eine Wirksamkeit von 70 Prozent gegen Covid-19.

  • Das teilte das Unternehmen auf Basis von Zwischen-Ergebnissen aus der wichtigen Testphase 3 mit. Berücksichtigt wurden sowohl Daten bei einmaliger als auch zweifacher Impfung.

  • Das Mittel mit dem Namen AZD1222 bot angeblich einen 90-prozentigen-Schutz, wenn Teilnehmende zunächst eine halbe Dosis erhielten und einen Monat später eine ganze. Dagegen lag die Wirksamkeit nur bei 62 Prozent, wenn die Probanden 2 Mal eine volle Dosis gespritzt bekamen, berichtet AstraZeneca.

  • Der gemeinsam mit der Universität Oxford entwickelte Wirkstoff kann den Angaben zufolge bei Kühlschrank-Temperaturen von 2 bis 8 Grad aufbewahrt werden.

  • Schon seit längerem gehört er zu den vielversprechenden Kandidaten: Die EU hatte bereits vorab bis zu 300 Millionen Dosen davon bestellt.

  • AstraZeneca will die Daten weltweit umgehend bei den zuständigen Behörden für eine Notzulassung einreichen.

  • Zum Vergleich: Die Wirksamkeit der Vakzine von Pfizer/Biontech und Moderna (mehr dazu unten) liegt für Doppel-Impfungen nach vorläufigen Daten bei rund 95 Prozent.

Der Impfstoff von Moderna

  • Der Corona-Impfstoff mRNA-1273 des US-Biotechkonzerns Moderna schützt nach Angaben des Unternehmens zu 94,5 Prozent vor Covid-19, also rund 5 Prozent besser als der vom deutschen Unternehmen Biontech (mehr dazu unten).

  • Das positive Zwischenergebniss stammt aus der Phase-3-Studie mit 30.000 Probanden, wovon die Hälfte ein Placebo bekam. Die Nebenwirkungen waren allgemein nur milde bis mäßig.

  • Ein weiterer Vorteil des Impfstoffs von Moderna: Er hält sich 30 Tage lang bei normalen Kühlschrank-Temperaturen von 2 bis 8 Grad , der von Biontech nur 5 Tage. Bei minus 20 Grad ist der Moderna-Impfstoff sogar 6 Monate lagerbar.

  • In den USA will Moderna bereits nächste Woche eine Notfallgenehmigung beantragen. Zunächst wird das Unternehmen seinen Impfstoff auch nur dort ausliefern. 20 Millionen Dosen sollen dafür noch in diesem Jahr hergestellt werden.

  • 2021 könnten dann 500 Millionen Dosen weltweit zur Verfügung stehen. Die Europäische Arzneimittelagentur hat umgehend einen beschleunigten Zulassungsprozess eingeleitet. Die EU-Kommission soll aktuell über die Lieferung von bis zu 160 Millionen Impfdosen verhandeln.

Der Impfstoff von Biontech

  • Der Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und dessen US-Partner Pfizer bietet laut eigenen Angaben einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor Covid-19, so die Zwischenergebnisse der entscheidenden Studienphase 3.

  • Noch ist der Impfstoff nicht behördlich zugelassen. Biontech und Pfizer wollen diese Woche in den USA die beschleunigte Genehmigung beantragen. Auch in Europa wird das Verfahren beschleunigt.

  • Die EU-Kommission hat bereits einen Vertrag zur Lieferung des Impfstoffs fertig ausgehandelt. Deutschland möchte bis zu 100 Millionen Dosen beziehen. Für eine Immunisierung sollen 2 Impfdosen pro Person nötig sein.

  • Nach Vertragsabschluss in der EU haben alle 27 Länder gleichzeitig Zugriff auf erste Lieferungen. Sie sollen nach Bevölkerungsstärke verteilt werden. Deutschland hat einen Anteil von rund 19 Prozent.

  • Biontech hält das Ziel der Bundesregierung für realistisch, bis zum Sommer 70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland gegen Covid-19 geimpft zu haben.

So wirken die Impfstoffe von Biontech und Moderna

Seit Mitte Januar entwickeln die Mainzer Firma Biontech und das US-Pharma-Unternehmen Pfizer den Impfstoff BNT162b2 im Projekt "Lightspeed" (Lichtgeschwindigkeit).

Rheinland-Pfalz, Mainz: Mitarbeiter des Biotechnologie-Unternehmens Biontech beraten sich im Labor.


Rheinland-Pfalz, Mainz: Mitarbeiter des Biotechnologie-Unternehmens Biontech beraten sich im Labor.
© Stefan Albrecht/Biontech/dpa

Der US Pharmakonzern Moderna arbeitet ebenfalls seit dem Frühjahr an seinem Impfstoffkandidaten mRNA-1273. Mitte März startete das Unternehmen als erstes weltweit mit Tests an Menschen.

So wirkt der Impfstoff von AstraZeneca

Der Wirkstoff AZD1222 beruht nicht auf mRNA, sondern auf einer abgeschwächten Version eines Erkältungs-Virus von Schimpansen, das gentechnisch verändert wurde - ein sogenannter Vektor-Impfstoff. Er enthält genetisches Material eines Oberflächen-Proteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt.

Das Mittel wirkt 2-fach: Es soll die Bildung von spezifischen Antikörpern und T-Zellen fördern - beide sind für die Immunabwehr wichtig.

Die Oxford-Forscher hatten erst kürzlich im Fachmagazin "The Lancet" berichtet, dass ihr Impfstoff in klinischen Tests der Phase 2 auch bei Älteren gut wirkt. Das Vakzin sei von Älteren sogar besser vertragen worden als von Jüngeren. Den Angaben zufolge waren rund 240 der 560 gesunden Studien-Teilnehmer über 70 Jahre alt.

Wie läuft die Phase-3-Studie ab? Am Beispiel Biontech

  • 👨‍🔬

    Pfizer und Biontech haben die Wirksamkeit ihres Impfstoffs an mehr als 43.500 Menschen untersucht. Etwa die Hälfte davon erhielt ein wirkungsloses Placebo.

  • 📅

    Die Impfung erfolgte zweimal im Abstand von 3 Wochen. Nach Angaben von Biontech und Pfitzer wird ein Impfschutz eine Woche nach der 2. Injektion erreicht.

  • 👨‍🏫

    Wie gut die Impfung funktioniert, lässt sich abschätzen, indem die Zahl der Covid-19-Erkrankungen unter den Geimpften mit der Zahl der Erkrankungen in der Placebo-Gruppe verglichen wird.

  • 👨‍💻

    Erste Auswertungen zeigen: Der Biontech-Impfstoff bietet einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung.

  • 👩‍🔬

    Eine unabhängige Expertengruppe, das sogenannte Data Monitoring Commitee (DMC), überwacht die Studie. Sie habe "keine ernsthaften Sicherheitsbedenken" gemeldet.

Was sagen Experten?

Viele laufende Impfstudien zu Covid-19 setzen lediglich eine Erfolgsquote von mindestens 50 Prozent voraus. Daher sind die Zwischenergebnisse Experten zufolge insgesamt vielversprechend. 

Aber: Die Angaben beruhen bislang nur auf der Mitteilung der Hersteller. Virologen sind daher noch zurückhaltend in der Einschätzung und warten auf die Veröffentlichung der Daten.

Sollte sich im Fall von Biontech und Moderna die hohe Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent bestätigen, "wäre dies eine unerwartet hohe Impf-Effizienz", sagt auch Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektions-Immunologie und Impfstoff-Forschung an der Berliner Charité. "Es muss sich noch zeigen, ob der Impfstoff in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere in Risikogruppen wie älteren Menschen, ebenso effektiv ist", so Sander.

Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln erklärte zu den Ergebnissen des Astra-Zeneca-Impfstoffs, dass die "sehr vorläufigen Daten" schwer zu interpretieren seien - etwa das Ergebnis, dass mit einer geringeren Impfdosis eine größere Erfolgsrate zu erzielen war als mit einer höheren. "Das ist zunächst nicht einleuchtend, und es müssen weitere Daten abgewartet werden, bis man das besser einschätzen kann."

Bestimmte Werte sprächen dafür, dass der Astrazeneca-Impfstoff etwas weniger effektiv sein könnte als die beiden mRNA-Impfstoffe. "Insgesamt ist es jedoch sehr erfreulich, dass jetzt bereits ein dritter Impfstoff kurz vor der Einführung steht."

Was bedeutet klinische Phase, Phase-1, Phase-2 und Phase-3-Studie?

In der klinischen Phase wird der Impfstoff an Menschen getestet. So will man herausfinden, wie gut er wirkt, welche Dosis nötig ist und ob Nebenwirkungen auftreten.

  • In Phase 1 erhält eine kleine Gruppe Freiwilliger den Impfstoff,
  • in Phase 2 sind es schon mehrere tausend Probanden und ...
  • in Phase 3 dann bis zu 20.000 oder mehr.

Erst in Phase 3 wird der Impfstoff in der Regel auch an Senioren getestet.

Welche Phasen ein Impfstoff noch durchlaufen muss bis er auf den Markt kommt, kannst du hier nachlesen.

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Wichtige Fragen zum Corona-Impfstoff

  • ⁉️

    Wann steht eine Corona-Impfung zur Verfügung?

    "Es gibt Anlass zum Optimismus, dass es noch in diesem Jahr eine Zulassung für einen Impfstoff in Europa geben wird. Und dann können wir mit den Impfungen sofort loslegen", so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er habe die Länder gebeten, bis Mitte Dezember für einsatzbereite Impf-Zentren zu sorgen - das scheine zu klappen.

  • ⁉️

    Wie lange dauert eine Impfstoff-Zulassung?

    Eigentlich Jahre, in der Pandemie gibt es aber in Europa ein beschleunigtes Zulassungsverfahren bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Pharmafirmen können ihren Impfstoff-Kandidaten noch während der Phase der klinischen Studien bei der EMA melden. Dazu werden Daten fortlaufend eingereicht und von der EMA bewertet (Rolling-Review-Verfahren) - im direkten Austausch. Das heißt aber nicht, dass weniger Daten eingereicht werden müssen.

  • ⁉️

    Wieso werden schon vor einer Zulassung Lieferverträge ausgehandelt?

    Um früh mit dem begehrten Impfstoff versorgt zu sein, schließt die EU schon jetzt Lieferverträge mit Pharmakonzernen. Einige Firmen - darunter auch Biontech - gehen auch schon vor der Zulassung in die Produktion. Aber: Diese Mengen können den Bedarf am Anfang bei weitem nicht abdecken.

  • ⁉️

    Wie schnell kann der Impfstoff produziert werden?

    Biontech und Pfizer wollen noch in diesem Jahr bis zu 50 Millionen Dosen herstellen. 2021 sollen bis zu 1,3 Milliarden Dosen produziert werden. Schon bis Ende des Jahres sollen rund 20 Millionen Dosen bereitstehen. Moderna will im kommenden Jahr mindestens 500 Millionen Dosen produzieren, vielleicht aber auch 800 oder 900 Millionen. AstraZeneca plant, 2021 bis zu drei Milliarden Einheiten seines Impfstoffs zu produzieren.

  • ⁉️

    Wer wird zuerst geimpft?

    Ältere, Menschen mit Vorerkrankungen, Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer und Erzieher. Das haben der Deutsche Ethikrat, die Wissenschaftsakademie [Leopoldina] (https://www.galileo.tv/corona/die-regierung-vertraut-leopoldina-wer-hinter-diesem-namen-steckt/) und die Ständige Impfkommission empfohlen. 

  • ⁉️

    Ist die Infrastruktur für eine schnelle Impfung vorhanden?

    Die Deutsche Post sieht sich für die Verteilung eines Corona-Impfstoffs gerüstet. Man könne auch Impfstoffe transportieren, die extrem gekühlt werden müssten. Um die weltweite Versorgung mit Corona-Impfstoffen sicherzustellen, könnten laut einer DHL-Studie rund 200.000 Paletten-Transporte, 15 Millionen Lieferungen in Kühlboxen sowie 15.000 Flüge unter besonderen Temperaturanforderungen erforderlich sein.

  • ⁉️

    Wer finanziert den Impfstoff?

    Anfang November hatten sich Bund und Länder darauf geeinigt, dass der Bund die Impfstoffe beschafft und finanziert. Die Länder kümmern sich um das notwendige Zubehör und richten eigenverantwortlich Impf-Zentren ein. Insgesamt wird derzeit von bis zu 60 Standorten ausgegangen.

  • ⁉️

    Wann können wir auf Maske und Abstand verzichten?

    Bis ganz Deutschland bis zu einer "Herden-Immunität" durchgeimpft ist, vergeht nach Einschätzung von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mindestens ein Jahr. Erst danach könne man darüber reden, auf Maske und Abstand zu verzichten. Spahn zeigte sich allerdings optimistisch, dass es nicht bis Ende 2021 dauern werde, bis alle Bevölkerungsgruppen durchgeimpft sind. So benötige man für viele der voraussichtlichen Impfstoffe keine extreme Kühlung. Sie könnten in normalen Arztpraxen gegeben werden. "Und dann geht es schnell: Vergessen wir nicht, dass jährlich in wenigen Wochen bis zu 20 Millionen Menschen gegen Grippe geimpft werden", sagte er.

Würdest du dich sofort impfen lassen?

Veröffentlicht: 25.11.2020 / Autor: Viviane Osswald