Wissenschaftler haben gerade eine der tödlichsten Krankheiten der Welt wiederbelebt
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Wissenschaftler haben gerade eine der tödlichsten Krankheiten der Welt wiederbelebt

vor 1 Woche

Die hochansteckenden Pocken forderten über Jahrhunderte hinweg Millionen Menschenleben. Jetzt haben Forscher einer kanadischen Universität die genetischen Überreste eines Pockenvirus wieder zusammengesetzt. 

Im 16. und 17. Jahrhundert infizierten sich etliche Menschen mit den Pocken. Für jeden Dritten von ihnen endete die Erkrankung mit Fieber, Schüttelfrost und Eiterbläschen tödlich. Noch in den 50er-Jahren erkrankten jährlich ungefähr 50 Millionen Menschen weltweit daran.

1967 wurde endlich eine Methode entwickelt, das tödliche Virus zu bekämpfen: eine Impfung und die weltweite Impfpflicht. Dank ihr gab es in Deutschland zum letzten Mal im Jahr 1972 einen Pocken-Erkrankten. 1980 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Bevölkerung als pockenfrei. Seitdem gilt die gefährliche Krankheit als ausgerottet. Das Virus gibt es zwar noch, allerdings nur in zwei extrem gut gesicherten Laboren in den USA und Russland. Es ist aber denkbar, dass es noch immer im schmelzenden Permafrost und den Eismassen der Pole schlummert und eines Tages wieder erwacht:

Kind mit Pocken
Infiziert man sich mit dem Virus, ist der Körper komplett mit schmerzenden Eiterbläschen übersät.
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Soweit wir wissen, ist das Virus also hinter sicheren Türen verschlossen und ein erneuter Ausbruch zum Glück sehr unwahrscheinlich. Eine Impfung gilt heutzutage nicht mehr als notwendig. Dennoch haben Wissenschaftler der Universität Alberta einen Pockenvirus aus genetischen Überresten wiederhergestellt.

Das Forscherteam rund um David Evans ist erschreckend einfach an die Gene gekommen. Es gibt verschiedene Arten des Virus. Die besonders schlimme Art, das Orthopoxvirus, ist in den Laboratorien der USA und Russland weggesperrt. Es gibt aber andere, die es sogar zu kaufen gibt. David Evans bestellte die Bruchstücke des Erbguts der Pferdepocken bei einem Unternehmen in Regensburg. Dann wurden sie ihm per Post zugestellt und er machte sich im Labor seiner Universität an die Arbeit. Dort stellte er komplett funktionsfähige Pferdepocken-Viren her – für gerade mal 10.000 Dollar. Das scheint ein kleiner Preis für ein gefährliches Virus zu sein.

Glücklicherweise gilt der Pferdepocken-Virus als wahrscheinlich ungefährlich für Menschen (ganz sicher ist man nicht). Darum entschieden sich die Forscher genau für diese Variante der Pocken und nicht für die, die für Menschen besonders gefährlich ist. Aber wie kamen sie überhaupt auf die Idee, ein in der Natur ausgerottetes Virus wieder herzustellen? Was bringt das und ergibt sich daraus nicht ein viel größeres Risiko einer erneuten Epidemie als tatsächlicher Nutzen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Sichtweise der Virologen verstehen. Es gibt nämlich gleich vier große Gefahren, denen sie mit ihrer Forschung vorbeugen wollen. Die erste ist, dass das für Menschen tödliche Pockenvirus aus den zwei Hochsicherheitslaboratorien in den USA und Russland entkommt. Angeblich gab es dort sogar schon einzelne Fälle von Pockenerkrankungen.

Die zweite Gefahr sind vergessene Proben des Virus, die aus Versehen freigesetzt werden könnten. Das klingt weit hergeholt. Ein Ereignis aus dem Sommer 2014 zeigt aber, dass die Sorge berechtigt ist. Damals wurden in einem Abstellraum der US-Gesundheitsbehörde NIH in der Nähe von Washington mehrere Reagenzgläser gefunden, die Pockenviren enthielten. Es wird vermutet, dass sie aus den 50er-Jahren stammen und einfach vergessen wurden. Dieser Vorfall hätte zu einer weltweiten Epidemie führen können.

Die dritte Gefahr sind andere Pockenviren, die mutieren und plötzlich von Tieren auf Menschen übergehen, zum Beispiel die Pferdepocken oder die Affenpocken.

Die vierte Gefahr ist der böswillige Einsatz der Pocken als biologische Waffe bei terroristischen Anschlägen. Das Experiment der Universität Alberta zeigt, dass es ziemlich unkompliziert ist, an das Genmaterial von Pocken zu kommen. Für einen Hobbyvirologen mit eigenem Labor wäre es vermutlich recht einfach, eine gefährliche Variante herzustellen. Die Sorge vor dieser Möglichkeit ist tatsächlich so groß, dass Regierungen wie die USA massenweise Impfstoffe dagegen gebunkert haben – auch in Deutschland gibt es Reserven für den Notfall.

Das Team von David Evans will alle vier Gefahren beseitigen. Sie stellten das Pferdepocken-Virus her, um alle Viren der Pockenfamilie besser zu verstehen und im Anschluss neue Impfungen dagegen zu finden. Außerdem wollen sie herausfinden, wie die allererste Impfung entstand. Die wurde schon im 18. Jahrhundert hergestellt – aber keiner weiß wie. Und um die Menschheit vor zukünftigen Ausbrüchen zu schützen, muss man auch die Vergangenheit der Pocken-Viren und ihrer Impfungen verstehen.

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